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Dienstag, 01. November 2011 Die Qual mit dem Buckel-S

Ginge es nach der Verwendung im deutschen Schriftbild, müsste das gebuckelte S eigentlich "gebeuteltes S" genannt werden. Kein anderer Rechtschreibfehler begegnet einem so häufig, wie die Verwendung eines Doppel-S anstelle eines Eszetts.

Hausnummer eines Firmensitzes in der Großen Elbstraße 49

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Wohin es mit der Verwendung des ß in der deutschen Rechtschreibung geht, scheint sich seit der Rechtschreibreform von 1996 abzuzeichnen: nämlich den Bach runter. Und das eigentlich nur, weil ein großer Teil der Deutschen in dem Glauben lebt, mit der Reform wäre das Eszett gänzlich durch ein doppeltes S ersetzt worden.

Verstärkt wird die allgemeine Unwissenheit zudem noch von Werbung und Medien. Auf vielen Werbeplakaten, in Zeitschriften, sogar in Tageszeitungen, auf Autobeschriftungen uswusf. wird oft ein ss anstatt des eigentlich korrekten Eszetts verwendet.

Der häufigste Rechtschreibfauxpas ist buchstäblich in den Straßen anzutreffen. Das Wort »Strasse« statt »Straße« tummelt sich zuhauf in offiziellen Schreiben, ist auf Werbeplakaten zu finden, verunstaltet Visitenkarten großer Firmen und gerne auch die Büroschilder vor deren Firmensitzen.

Dabei gibt es zwei sehr einfache Grundregeln zur korrekten Verwendung des »Buckel-S«. 

  • Die erste Regel lautet: Das Eszett wird in Deutschland und Österreich nach wie vor verwendet! In der Schweiz und in Lichtenstein gibt es offiziell seit 2006 kein ß mehr. Dort schreibt sich die Straße daher tatsächlich mit Doppel-S.
  • Die zweite Regel beschreibt die korrekte Anwendung in nur einem Satz: »Nach einem langen Vokal oder einem Doppellaut (au, ei, ie, eu und äu) folgt ein ß, nach einem kurzem Vokal oder wenn im Wortstamm ein Konsonant folgt, schreibt man ein ss!«

Die Zukunft des ß scheint leider schon beschlossen. Langsam aber sicher wird der Buchstabe, der ursprünglich mal eine Ligatur war, vom ss verdrängt.

Verwendet wurde das Schriftzeichen erstmals Ende des 13. Jahrhunderts in gotischen Buch- und Bedarfsschriften. Es diente der Wiedergabe bestimmter stimmloser s-Laute. Entstanden ist das Eszett wahrscheinlich aus der Verschmelzung des in gebrochenen Schriften verwendeten langen ſ und dem kleinen ʒ. In einigen Antiquaschriften war es angeblich eine Verschmelzung von langem ſ und rundem s. Ein eindeutiger Ursprung des Buchstaben ß ist bis heute allerdings nicht geklärt.

Vor allem in der Frakturschrift, die in Deutschland bis ins 20. Jahrhundert bevorzugt verwendet wurde, wurden für häufig auftretende Buchstabenkombinationen sogenannte Ligaturen entwickelt. Beide Buchstaben wurden dabei wie ein eigenes Zeichen behandelten. Die Ligaturen dienen bis heute vorwiegend der besseren Lesbarkeit und hatten im Bleisatz zudem den Vorteil, dass man nur einen Buchstaben setzen musste.

Als sich dann Ende des 18. Jahrhunderts langsam die Antiqua-Schriften durchsetzten, wurde auch für diese Schrift ein entsprechendes Zeichen für das Eszett entworfen. Der Duden von 1880 empfiehlt, das Eszett in Antiqua durch ſs zu ersetzen, lässt aber ausdrücklich auch einen ß-artigen Buchstaben zu. Erst nach der Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung von 1901 ist auch im Antiqua-Satz der Buchstabe ß zu bevorzugen.

Das ß ist nach der deutschen Rechtschreibregel der einzige Buchstabe des Alphabets, für den es keinen Großbuchstaben gibt. Obwohl es in der Vergangenheit mehrere Versuche gab, ein Eszett auch in der Majuskelschrift einzuführen, ist es bis heute üblich den Buchstaben nur als Minuskel zu setzen. Das Versal-Eszett wird im Allgemeinen durch SS ersetzt. Das kann allerdings bei einigen Worten zu Verwirrung führen, wie z.B. bei dem Wort WEISS. – Es kann dabei sowohl die Farbe Weiß als auch die konjugierte Form des Verbs "wissen" gemeint sein.

Nur wenige Menschen wissen, dass auf Initiative des Deutschen Instituts für Normung (DIN) der Unicode-Zeichensatz offiziell durch einen Großbuchstaben des »ß« erweitert wurde. Angewendet wird der Buchstabe allerdings noch sehr selten. Auch in den meisten Zeichensätzen ist kein Majuskel für das Eszett vorhanden.

Es bleibt allerdings zu hoffen, dass diese Erweiterung vom Rat der deutschen Rechtschreibung anerkannt und die Rechtschreibregeln dahingegen angepasst werden.

Es wäre sicherlich von Vorteil, wenn Sie bei ihrem nächsten Arztbesuch, den in Druckbuchstaben auszufüllenden Fragebogen und die sich darauf befindlichen Frage nach Ihrem täglichen Alkoholkonsum, nicht mit einem verwirrenden »IN MASSEN« ausfüllen müssten.


Weiterführende Informationen: http://de.wikipedia.org/wiki/ß

Kategorie: Schrift, Korrekturen